Quelle: Donaustadtecho

2010 DonauhofJeder Besucher des Gänsehäufels passiert, sei es zu Fuß, per Rad, Auto oder mit dem Bäderbus, den auf der linken Seite unmittelbar vor der Brücke zum Bad gelegenen Gemeindebau. Dieser Gemeindebau ist irgendwie ein Kuriosum. Kein Schriftzug weist ihn als Bau der Stadt Wien aus, noch findet sich ein Errichtungsdatum an der Fassade. Von den Kaisermühlnern wird er als „Zigeunerbau" apostrophiert. Politisch natürlich unkorrekt, aber diese Bezeichnung hält sich genauso hartnäckig wie „Alter Neubau" für den Schüttauhof, wobei der Schüttauhof schon vor dem Gemeindebau in der Schüttaustrasse (47-49) existiert hat.

Mit dem Einmarsch der Hitlertruppen am 12. März 1938 wurden sämtliche Funktionäre des austrofaschistischen Regimes ihrer Funktionen enthoben und von österreichischen und deutschen Nationalsozialisten ersetzt. So kam es, dass der im Bauressort der Stadt Wien arbeitende Hermann Neubacher 1938 Wiener Bürgermeister wurde. Großmäulige Ankündigen im Bereich der Stadtplanung erwies sich vor allem als Propaganda. In erster Linie beschränkte sich die Stadtplanung darauf jüdisches Eigentum zu arisieren, auf Kriegsbauten (z.B. Flaktürme, Kasernen), und nur wenige Wohnhäuser. Eine dieser wenigen Wohnhausanlagen ist der Gemeindebau in der Moissigasse.

Der Bau wurde im Dezember 1938 konzipiert und 1939/40 erbaut. Für jede der 18 Stiegen wurde ein Luftschutzkeller geplant und errichtet; bekanntlich begann der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939. Das heißt, die NS-Machthaber und ihre Bürokraten planten und bauten im Wissen des kommenden Krieges. Die Wohnhausanlage selbst ist in einem sachlichen Stil gehalten. Die großflächig eingeschwungene Hauptfassade, deren Ecken durch Loggien aufgelöst werden und den Haupteingang, der in der geometrischen Mitte zum Platz hin orientiert wurde, schafft eine gelungene Lösung.

Die über 80 Meter lange Seitenfassade zur Alten Donau, wird durch eine leichte Krümmung optisch verkürzt und durch den Wechsel von zwei- und dreiflügeligen Fenstern wirkt die Wandfläche nicht zu wuchtig.

Dieser Bau ist im Gegensatz zum Goethehof und dem Schüttauhof nicht ein rundum geschlossener. Im Bereich der Sinagasse und der Bellegardegasse wurden die Bauteile an schon vorhandenen Gebäuden in Form einer „Lückenverbauung" errichtet. Die Grundsätze der Architektur des Roten Wiens wurden aber übernommen. So sind die Stiegenzugänge hofseitig angelegt, ein großer, begrünter Innenhof verbindet die Stiegen. Ebenfalls wurden die Wohnungsgrößen eineinhalb und zwei Zimmer samt Nebenräumen konzipiert. Im Gegensatz zu den Bauten der sozialdemokratischen Stadtverwaltung wurde aber minderwertigeres Baumaterial (Zwischenwände aus Bauschlake, Fußböden nicht aus Eichenparkett sondern Schiffboden) ausgestattet.

Gegen Kriegsende wurde ein Teil des Gemeindebaus schwer beschädigt. Erst 1949 konnten die Schäden behoben werden. Zwischen 1951 und 1953 wurde im Rahmen der Wohnraumbeschaffung das Dachgeschoß ausgebaut. In der 1980iger Jahren wurden bei sämtlichen Stiegen Aufzüge eingebaut. Von 1997 bis 1999 wurde eine Sockelsanierung durchgeführt, die eine Fassadenvollschutzwärmedämmung, neue Fenster und Türen und den Anschluss an die Fernwärme brachte. Heute befinden sich auf den 18 Stiegen 207 Wohnungen und zwei Hausbesorger. Es wäre an der Zeit diesen Gemeindebau auch als solchen für den Betrachter ersichtlich zu machen. Mit erklärenden Tafeln über die Geschichte des Bauwerkes und der Zeit könnte man diesen „blinden Fleck" sichtbar machen.

Architekt dieser Anlage war Erich Franz Leischer 1887 in Wien geboren und 1970 ebenda verstorben. Leischer studierte an der Technischen Hochschule Wien bei Karl Mayreder, Carl König, Max von Ferstel und Leopold Simoni. Ein Jahr vor Beendigung seines Studiums trat er bei der Gemeinde Wien als Werkstudent ein. Zu dieser Zeit entstanden seine ersten Bauwerke wie der Wasserbehälter Steinhof II (1912) und das Umspannwerk Pottendorfer Strasse (1913). Nach dem Ersten Weltkrieg trat er in die Architekturabteilung des Stadtbauamtes ein.

In weiterer Folge entwarf er mehrere Gemeindebauten wie den Robert-Blum-Hof (1923), den Franz-Kurz-Hof (1924), den Pfannenstielhof (1925), den Kindergarten im Sandleitenhof (1929), das Kongressbad (1928) und er war maßgeblich bei der Planung und Ausgestaltung der Höhenstraße 1935 beteiligt. Nach dem Anschluss wurde er in die Stadtregulierungsabteilung versetzt, wo er 1940 den Auftrag zur Ausgestaltung des Bunkers am Gallitzinberg für Baldur von Schirach (Gauleiter von Wien) erhielt. Dieser offiziell Gaugefechtsstand Wien genannte Bunker wurde auch als Schirachbunker bezeichnet. Im Herbst 1945 wurden die Zugänge zum Bunker gesprengt. Heute findet man noch Überreste des Gefechtsstandes und ein erhaltender Eingang auf der Wiese neben der Jubiläumswarte im 16. Wiener Gemeindebezirk. Ab 1949 war er als selbständiger Architekt tätig. In den folgenden Jahrzehnten plante er die Aspernbrücke (1951), die Rotundenbrücke (1955), das Laaerbergbad (1959) und die Salztorbrücke (1961).

Leischer war, wie aus seiner Baubiographie ersichtlich ist, somit ein Diener vieler Herren. Von der Monarchie über die Erste Republik zum austrofaschistischen Ständestaat, zur Nazidiktatur und wieder zur Demokratie in der Zweiten Republik.

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