Vom Zentrum Wiens erreichte man den damaligen 21. Bezirk (dieser wurde erst 1954 auf Grund seiner Größe in den 21. und 22. Bezirk geteilt) über die Reichsbrücke, damals auch „Brücke der Roten Armee". Eine Kettenbrücke, die später einstürzen sollte. Bei der Auffahrt zur Brücke, von der Stadt kommend, stand auf der linken Seite ein rotes Denkmal in Form einer schlanken Pyramide mit einem großen Stern auf der Spitze, welches mich immer sehr beeindruckte. Auf der linken Donauseite der Brücke, befand sich rechter Hand eine Art Kleingartensiedlung, auch „Grabeland" genannt, aufgeteilt in Parzellen mit einfachen kleinen Holzhütten. Auf der linken Seite der Abfahrt waren das „Bretteldorf", eine Ansammlung von Wohnhütten, und eine Mülldeponie, welche 1964 zum Donaupark umgestaltet wurden.

Der Bezirk war nach dem Krieg Russenzone. Nach Kagran konnte man vom Praterstern mit der Linie 25 fahren, welche am Kagraner Platz eine Umkehrmöglichkeit hatte. Nach Kaisermühlen fuhr die Linie C und nach Stadlau die Linie 16 bis zur Ostbahn und von dort die Linie 116 bis Aspern.

Geboren im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkrieges, verbrachte ich meine ersten Lebensjahre in Kaisermühlen, einem Ortsteil des heutigen 22. Gemeindebezirkes. Von den meisten Wienern, die am rechten Donauufer wohnten, etwas abfällig auch „Transdanubien" genannt. Wir wohnten im Goethehof und hatten einen Balkon in den Innenhof des Gemeindebaues. Meine Mutter war Hausfrau und mein Vater war bei der Wiener Berufsfeuerwehr beschäftigt; er hatte 24 Stunden Dienst und 24 Stunden frei. Zeitausgleich für die Mehrdienstzeit mit zusätzlichen freien Tagen gab es wenige, was sich aber später ändern sollte.

Meine Schwester, welche um 15 Jahre älter war als ich, hatte das Gymnasium abgebrochen (dabei dürfte auch der Krieg mit schuld gewesen sein) und eine Ausbildung zur Fürsorgerin begonnen. Ihr starkes Engagement bei den Roten Falken hat sie angeblich vom Lernen abgehalten und dafür aber später zu ihrer politischen Laufbahn in der Gewerkschaft und Partei geführt.

Die Zeit war geprägt vom Überlebenskampf der Nachkriegsjahre. Lebensmittel waren rationiert und nur mit sogenannten Marken zu erhalten, daher wurden Hamsterfahrten zu Bekannten und auch entfernten Verwandten nach Niederösterreich organisiert. Butter konnte man bis zu Beginn der 50er Jahre nur auf Marken erhalten. Fahrten in andere Bundesländer waren nur schwer möglich, da man die sogenannte Demarkationslinie bei Enns (Übergang von einer Besatzungszone in die andere) überschreiten musste und die dabei vorgesehenen Kontrollen der Besatzungsmächte fürchtete. Bei diesen Fahrten versuchte man Fleisch, Kartoffeln, Eier oder auch andere Lebensmittel zusätzlich zu erhalten.

1930 Badeplatz Feuerwehr Errichtung 2Wir verbrachten die Sommer auf unseren „Badeplatz", einem Stück Grünfläche am Dampfschiffhaufen an der Alten Donau, neben dem E-Werkbad. Dort waren wir glückliche Besitzer einer der zehn Kabinen in einer großen Holzhütte, welche von Mitgliedern der Wiener Feuerwehr Anfang der 30er Jahre gebaut wurde. Damals mussten sie noch händisch den sumpfigen Boden aufschütten und urbar machen, um eine Hütte bauen zu können. Die frühere Wiese um die Kabinen war nach dem Krieg penibel unter den zehn Kabinenbesitzern aufgeteilt und so dicht wie möglich mit diversem Gemüse bepflanzt worden, um die Lebenserhaltungskosten damit zu verringern. Nur über schmale Wege konnte man seine Kabine erreichen. Die mitgebrachten Speisen wurden im Keller der jeweiligen Kabine kalt gestellt.

Bei den jährlichen Hochwässern stand das Wasser meist bis zum Deckel, der den Keller verschloss. Als WC diente eine frei stehende Hütte mit einem „Plumpsklo", welches manchmal sehr frequentiert war, da auch sehr viele Verwandte und Freunde diese Bademöglichkeit nutzten. Für uns nichtschwimmende Kleinkinder war speziell die Zeit des Hochwassers sehr gefährlich, was ich auch einmal mit einem längeren ungewollten Aufenthalt im Wasser bestätigte. Mein Vater hat aber zum Glück rechtzeitig die Tarockpartie unterbrochen und mich herausgefischt.

Als ich fünf Jahre alt war, verstarb meine Mutter nach einer Gehirntumor-Operation. Da mein Vater nur jeden zweiten Tag zu Hause war und auch meine Schwester die Fürsorgeschule besuchen musste, begann für mich eine Zeit des Pendelns zwischen meinem Zuhause und hauptsächlich zwei Tanten, die als sogenannte Tagesmütter fungierten. Während des Aufenthalts bei einer von ihnen wurde ich von meinem Onkel mit einer Lungenkrankheit (Hilusdrüsenprozess) angesteckt. Er hatte sich diese Krankheit bei seinem Aufenthalt im Konzentrationslager zugezogen, in welches er, ohne Prozess, wegen Beteiligung an einer Sammelaktion für Angehörige von inhaftierten Kommunisten, kam. An dieser Lungenkrankheit ist er auch bald verstoben.

1930 Badeplatz Feuerwehr Errichtung 3Für mich bedingte diese Erkrankung einen mehrwöchigen Aufenthalt in der Lungenheilanstalt Baumgarten, später in der Schulzeit auch in Lilienfeld sowie in Bad Hall. In schlechter Erinnerung habe ich Baumgarten, da dieser Aufenthalt mehrere Wochen dauerte und ich auch die Weihnachtszeit dort verbringen musste. Auch eine ständige röntgenologische Überwachung war notwendig. All diese Aktionen führten aber später zur Ausheilung der Krankheit.

Die Trauerzeit meines Vaters nach dem Tod meiner Mutter schien einigen Verwandten zu kurz, denn er hatte sich schon nach einigen Monaten auf die Suche nach einer neuen Partnerin begeben. Der Grund war sein 24-stündlicher Wechseldienst und daraus folgend die schwierige Aufsicht über mich. Eine Frau mit Sohn in meinem Alter wurde nach kurzer Zeit durch eine andere ohne Sohn ersetzt. Sie sollte die neue Mutter für mich und meine Schwester werden. Sie wohnte in Floridsdorf und ihr Mann war in Stalingrad gefallen. In ihrem Haus waren russische Offiziere einquartiert, die zu mir sehr nett waren. Sie haben mich mit Süßigkeiten verwöhnt. Nur einmal haben sie etwas übertrieben, da sie mir mit einem LKW Kirschen noch auf ganzen Ästen brachten. Nach der Hochzeit sind wir bald nach Kagran in ein neues Siedlungshaus gezogen.

In dieser Zeit verbrachte ich auch einige Urlaube mit meiner Tante Käthe bei ihrer Cousine in Unterwinden bei Herzogenburg. Da waren viele Kinder und man hatte alle Freiheiten des Landlebens. Die einzige Einschränkung war das Verbot, zu nahe an den Mühlbach zu gehen, sonst durfte man am Heuwagen sitzen, welcher von Pferden oder Ochsen gezogen wurde, am Feld mithelfen, in den Weingarten gehen und vieles mehr. Auch das Basteln einer Armbrust, eine Bauernhochzeit und das sehr aufwendige Dreschen von Getreide waren Höhepunkte.

Aufgestanden wurde sehr zeitig, da ja die zwei Kühe, der Ochs, die Schweine und das Pferd gefüttert werden mussten. Anschließend war das Frühstück und dann diverse Arbeiten. Wir Kinder durften, bei leichteren Tätigkeiten mithelfen. Um circa 10 Uhr gab es das Gabelfrühstück mit selbst geräuchertem Speck, Brot und Most, der auch zur Feldarbeit mitgenommen wurde. Um meine Krankheit schneller auszuheilen und auch etwas Gewicht zuzulegen, musste ich täglich einen – oder waren es mehrere? – Kaffeelöffel Lebertran essen. Das war, im puren Zustand, wirklich eine Tortur.

In Kagran waren wir sehr viel weiter von unserem „Badeplatz" entfernt, wodurch sich die Wegzeit von bisher 15 Minuten in Kaisermühlen auf etwa 90 Minuten wesentlich verlängerte. Straßenbahn fahren war nur bei besonderen Vorfällen wie Gewitter oder etwaigen Verletzungen erlaubt. Essen und Getränke wurden von zu Hause mitgenommen. Zu dieser Zeit gab es von Kaisermühlen zur Großen Bucht eine Überfuhr. Dabei ruderte ein Mann eine 7-Meter-Zille und man konnte gegen einen Fuhrlohn befördert werden. Auch diese Beförderungsmöglichkeit hätte unseren Weg wesentlich verkürzt, wurde aber nicht in Erwägung gezogen.

In Kagran habe ich mich rasch gut eingelebt, denn es gab eine Menge Nachbarkinder. Das meiste Interesse wurde dem Fußballspiel entgegengebracht. Seit dieser Zeit bin ich Rapid-Anhänger, wobei sich das rational nicht erklären lässt, da Rapid am gegenüberliegenden Ende von Wien beheimatet ist und für Matchbesuche kein Geld ausgegeben wurde. Fernsehen gab es nicht, und so war ich auf die Berichterstattung im Radio und später, als ich lesen konnte, in der Arbeiter-Zeitung angewiesen. Leider waren die Berichte aus der Zeitung etwas mühsam, da es am Montag keine Zeitung gab und man daher bis Dienstag warten musste, um die Wochenendergebnisse und Berichte zu erhalten. Neben der Arbeiter-Zeitung hatten wir noch das Kleine Blatt, eine Wochenzeitung, abonniert. Beide Zeitungen wurden aber nicht zugestellt, sondern man musste sie von der Trafik holen.

Ich hatte einen Onkel, der bei FC Prater Fußball spielte und obendrein noch ein kleines Spielwarengeschäft auf der Wallensteinstraße besaß. Diesem Umstand verdankte ich mehrere fußballtechnische Unterrichtstunden und, was noch viel wichtiger war, einige Bälle. Speziell mit einem roten „Rondo"-Plastikball war ich der Star bei meinen Freunden und hatte dadurch auch ein wesentliches Stimmrecht bei den Mannschaftsaufstellungen. Dieser Ball hat mehrere unsanfte Berührungen mit dem Stacheldrahtzaun ausgehalten, welcher unser Fußballfeld vom angrenzenden Gärtner trennte. Schlussendlich ist ihm aber doch der Zaun zum Verhängnis geworden.

Neben Fußball und fallweise Völker- oder Handball ist noch das Kugelscheiben mit bunten Tonkugeln zu erwähnen. Kugelscheiben wurde meist am Anfang und Ende des Jahres durchgeführt. Dabei wurde eine etwa einen halben Quadratmeter große Fläche eingeebnet und eine kleine Grube gegraben, in die man treffen musste. Es wurde auch das sogenannte „Gitschen" (Treffen einer gegnerischen Kugel und In-Besitz-Nehmen derselben) gespielt, was natürlich sehr oft zu Streitereien führte. In späterer Zeit fanden auch Glaskugeln Einzug in das Spiel, die auf Grund ihres Wertes gegen mehrere Tonkugeln tauschbar waren.

Da es in der Nachkriegszeit, bei meinem Schuleintritt, noch wenige Schulen gab, welche nicht durch die Kriegswirren zerstört waren, war der Schulbetrieb auf Vor- und Nachmittagsunterricht aufgeteilt, welcher regelmäßig wechselte. Der Nachmittagsunterricht war sehr beschwerlich, da am Vormittag die Aufgabe gemacht werden musste, man noch etwas spielen konnte und daher keinen Kopf für den nachmittäglichen Unterricht hatte. Mein Schulweg dauerte zwischen 15 und 30 Minuten, je nachdem, wie viele Freunde man traf. Etwas kürzer war der Weg speziell zur Krampuszeit, da es schon finster war und die Angst vor herumziehenden verkleideten Krampussen die Schritte wesentlich beschleunigte. Ab der dritten Klasse Volksschule hatten dann alle nur mehr Vormittagsunterricht.

Eigentlich keine Angst hatte ich vor der damaligen Besatzungsmacht (unser Bezirk war Russenzone). Deren Hauptquartier war die Karlskaserne. Zwischen Kaserne und dem Hellas-Kagran-Platz war eine große Mulde, die den Russen als Schießübungsplatz diente. Dies war nicht ganz ungefährlich, da ja nur über der Straße die Natorpschule war. Unfälle hat es aber, soweit mir bekannt, nicht gegeben. Hellas war neben Rapid mein Lieblingsverein, wobei man bei Heimspielen den Vorteil hatte, dass man durch das Maschengitter zuschauen konnte, denn Geld für den Eintritt hatte ich keines. Einige von uns sollten später bei diesem Verein in der Wiener Liga spielen.

Anfang der 50er Jahre waren noch einige Lebensmittel nur auf Marken zu beziehen. Die Milch wurde vom Milchgeschäft, auch „Milchfrau" genannt, in einer Aluminiumkanne geholt, welche sie mit einem Messbecher aus einer Wanne füllte. In die Wanne wurde die Milch aus einer stählernen Transportkanne gelehrt. Fleisch und Wurst wurden in einem Geschäft der Wiener Fleischwerke gekauft. Einige Zeit bezogen wir auch Fleisch von einem Mann, welcher in St. Marx (Schlachthof) arbeitete. Dazu mussten wir etwa eineinhalb Stunden Fahrt mit der Straßenbahn nach Floridsdorf auf uns nehmen. Da dieser Einkauf nur am Abend erfolgte und ich mit einem günstigen Kinderfahrschein unterwegs war, fiel die Fleischbesorgung in meinen Aufgabenbereich. Oft kam dieser Mann nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause, was zu langen abendlichen Wartezeiten und Spaziergängen führte, die natürlich im Winter sehr unangenehm waren. Eine weitere Fleischquelle hatten wir durch meine Tante, die in Ziersdorf monatlich für einen Teil der Familie einkaufte und deren Fahrtkosten durch ihre Anstellung bei der Bundesbahn sehr gering waren.

Lebensmittel wie Mehl, Zucker, Salz, Gewürze usw. haben wir meistens bei einem Großhändler im 7. Bezirk gekauft. Dabei sind wir etwa monatlich mit dem Rucksack und der Straßenbahn unterwegs gewesen, was beim Nachhausekommen etwas mühsam war, da wir gut fünfzehn Minuten alles von der Straßenbahn heimschleppen mussten. Gemüse haben wir bei einer nahen Gärtnerei (der Anna-Tant) gekauft.

Da mein Vater, bedingt durch seinen Beruf, gut kochen konnte, hat er auch Sülze aus Schweinshaxen, fettes Bauchfleisch und ähnliche für mich ungenießbare Dinge hergestellt. Zwischen den Mahlzeiten diente das Schmalzbrot als Nahrungsergänzung. Eingelegt für den Winter wurden Eier im Wasserglas, Gurkerl, Paprika, grüne Paradeiser, es wurde Marmelade eingekocht, diverse Säfte zubereitet und natürlich Erdäpfel und Zwiebel eingelagert. Mit fortschreitendem Winter wuchsen diese aus, was von Zeit zu Zeit ein sogenanntes „Abradeln" (Entfernen der Triebe) notwendig machte. Am Ende des Winters waren die Erdäpfel schon sehr schrumpelig.

Geheizt wurde mit einem Dauerbrandofen von Meller. Dieser wurde im Sommer von der Schlacke befreit, und wenn notwendig, wurden brüchige Schamottsteine ausgebessert. Im Sommer wurden auch der notwendige Koks, die Briketts und das Holz zum Anheizen eingelagert. Während der Heizperiode musste man, auch ich, den Kohlenkübel im Keller befüllen, nach oben schleppen und immer darauf achten, dass das Feuer nicht ausging. Das war eine etwas staubige Angelegenheit.

In unserem Siedlungshaus bewohnte meine Schwester ein kleines Zimmer im Stock neben dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich habe im Wohnzimmer auf einer Couch geschlafen. Zwischen meiner Stiefmutter und meiner Schwester gab es sehr oft Streit, und dieser führte bald dazu, dass meine Schwester aus dem Haus geworfen wurde. Danach war mein Kontakt zu ihr auf mehrere Jahre unterbrochen.

Ich aber habe ab diesem Zeitpunkt ihr bisheriges Zimmer bekommen. Sie hat einige Wochen auf unserem Badeplatz gewohnt (gehaust), bis sie eine kleine Wohnung im 2. Bezirk erhalten hat. Diese Aktion meiner Eltern wurde von unseren Verwandten sehr missbilligend aufgenommen und hat auch die Kontakte zu ihnen minimiert. Nach einigen Jahren waren aber sie es, die eine Versöhnung herbeiführten und wieder ganz gute Familienverhältnisse schufen. Mein Zimmer und das Schlafzimmer meiner Eltern wurden nur bei sehr langer Kälte mit einem kleinen Ofen im Stock geheizt. Meist war es so kalt, dass man den Atem sehen konnte.

Höhepunkte waren immer Besuche bei meinem Onkel zum Tarockieren. Nicht nur, dass ich mit meinem Cousin Peter spielen und manchmal raufen konnte, sondern auch, dass es immer Frankfurter zum Nachtmahl gab, die ich sonst nur vom Hörensagen kannte.

Zum Fasching wurde von meiner „Stiefmutter" jährlich der Versuch gestartet Faschingskrapfen herzustellen. Der Aufwand war enorm, das Ergebnis nicht immer gelungen. Der Teig hatte mehrere sogenannte Gehphasen zu erfüllen, und dazu wurden die ausgestochenen Teigstücke unter einem Tuch im Wohnzimmer aufgelegt. Manchmal war das Ergebnis wirklich sehenswert, manchmal aber war es ähnlich Gebackenen Mäusen. Da diese Krapfen in großen Mengen hergestellt wurden, waren die letzten, trotz Einbeziehung aller Verwandten schon sehr hart, mussten aber bis zum letzten Stück aufgegessen werden.

Die Winter waren schneereich und kalt, manches Jahr war so viel Schnee, dass kein Auto durch unsere Gasse fahren konnte. Rodel hatte ich keine, konnte aber meist mit Freunden auf einer nahen Senke rodeln.

An jedem Wochenende kam meine Tante zu Besuch und blieb bis Sonntag. Meist brachte sie Buchteln aus Germteig und mit Powidl (Marmelade) gefüllt, die frisch fantastisch schmeckten, nach ein paar Tagen aber sehr hart waren. Da sie und meine Eltern gerne wanderten, habe ich im Laufe der Zeit den Wienerwald sehr intensiv kennengelernt .Wir fuhren mit der Straßenbahn nach Nussdorf, Grinzing, Neuwaldegg oder Mauer und starteten dann eine mehrere Stunden lange, extrem fade Wanderung. Essen und Trinken wurde mitgenommen, denn Gasthöfe waren für uns tabu. Schlimm war für mich nur, dass ich an so einem Tag diverse Fußballspiele versäumte, entweder direkt in unserer Siedlung oder auch Radioübertragungen. Auf Grund dieser Wanderungen bin ich mit dem Wienerwald sehr vertraut, habe aber später dieses Wissen meinen Kindern nur teilweise weitergegeben.

Im Sommer, wenn wir unseren Badeplatz besuchten, durfte oft ein Schulfreund mitkommen. Das war immer sehr abenteuerlich, denn wir hatten ein altes Boot gefunden mit dem wir auf der Alten Donau herumruderten und manchmal auch unter dem Polizeisteg stehen blieben, um den Frauen unter die Röcke zu schauen. Gesehen haben wir eigentlich nichts. Gerne bin ich mit meinen Eltern zu einem alten Onkel meiner Mutter gegangen, welcher am Stadlauer Bahnhof wohnte. Meine Eltern spielten Tarock und ich konnte die Aktivitäten am Bahnhof (Verschubarbeiten mit Dampflokomotiven) beobachten, auch spezielle Süßigkeiten gab es immer.

Sehr viele Urlaube verbrachten wir bei einem Bauern in Altmünster am Traunsee. Der See war meist sehr kalt, so dass das Baden nur bei langer Hitzewelle oder hohen Tagestemperaturen möglich war.

Daher waren jede Menge Wanderungen angesagt. So haben wir das ganze Salzkammergut erkundet, wobei eine Wanderung vom Traunsee zum Attersee herausstach, die Rückfahrt haben wir aber mit dem Postbus gemacht. Da der Bauer viele Kinder hatte, waren es trotzdem schöne und abwechslungsreiche Urlaube. Mein erstes Geld habe ich auch dort verdient, und zwar einige Schillinge und viele Freifahrten, als ich beim Aufbau einer Autobahn für den Kirtag half. Im Jahre 1954 wurde der Bezirk Floridsdorf geteilt, da er durch die rege Bautätigkeit und den regen Zuzug zu groß geworden war; es entstand die Donaustadt als 22. Bezirk.

Die Fußballweltmeisterschaft 1954 war das erste Turnier, welches ich bewusst verfolgte. Speziell der 7:5 Sieg gegen die Schweiz, aber auch die 1:6 Niederlage gegen Deutschland und dann das 3:2 gegen Uruguay, das den dritten Platz brachte, habe ich noch gut in Erinnerung. Radiokommentator war der unverwechselbare Heribert Meisel. Im Vorfeld zu dieser Meisterschaft haben wir Bilder der Spieler gesammelt, welche damals mit Kaugummi verkauft wurden.

Mit etwa neun Jahren war ich groß genug, um auf einem schwarzen 28er-Herrenwaffenrad das Radfahren zu erlernen. Obwohl ich immer zu den körperlich Größten gezählt habe, war das Rad doch etwas zu groß für mich. Mein Vater hat sehr viel Geduld aufgebracht und ist oft außer Atem gekommen. Aber schließlich habe ich es nach einigen Stürzen doch erlernt. Dieses Rad war von einem entfernten Verwandten und hatte einen für mich furchtbaren Rennlenker, welcher Holzgriffe hatte und nach oben verdreht montiert war, um beim Fahren besser aufrecht sitzen zu können. Ein Herunterdrehen war nicht möglich, da ich ihn sonst schlecht erreicht hätte. Mein schönster Tag war, als ich diesen Lenker durch einen sogenannten „Schwalbenschwanzlenker" ersetzen durfte.

Mit dem Fahrrad war ich dann so mobil, dass es möglich war, sogar in die Lobau zu fahren. Höhepunkte waren bei Hochwasser Furtdurchquerungen. Dabei war es das Ziel, die Furt zu durchfahren ohne ins Wasser steigen zu müssen. Es war nicht immer einfach, da der Boden meist schottrig und weich war, und so wurden Wetten abgeschlossen, wer am weitesten kam, ohne abzusteigen. Nass waren wir auf alle Fälle.

Sonst haben wir unter anderem sogenannte „Glöckerlpartien" gespielt. Dabei hat man einen Fahrradglockendeckel abgeschraubt und in die Mitte der Straße gelegt. Es waren zwei Spieler oder auch Mannschaften, und man musste den Deckel mit dem Vorderrad (wie beim Radball) in ein am Randstein abgestecktes Tor befördern. Dieses Spiel war damals möglich, da es ja kaum durch Autos unterbrochen wurde. Da das Fahrrad in meinem Verantwortungsbereich lag, musste ich auch selbstständig alle Reparaturen durchführen wie Schläuche flicken, nach Stürzen Achter ausrichten usw. Wenn wir nicht zu unserem Badeplatz gingen, bin ich oft mit Freunden zur Alten Donau im Bereich „Tausenderbaum" und Rehlacke (sie wurde später zugeschüttet) gefahren.

In der Hauptschule hatte ich einen Schulfreund, mit dem ich auch heute noch in Kontakt bin, welcher alles erdenkbar Mögliche sammelte, um daraus irgendetwas zu basteln. Er hat in der Umgebung sämtliche Mülldeponien gekannt und immer gewusst, wo etwas Brauchbares, wie Telefonhörer oder Ähnliches, zu finden war. Wir haben dann Detektorradios gebaut, die Dachrinne als Antenne benutzt und so sehr krächzend Radio gehört.

Einmal im Jahr waren wir in Aspern beim Flugplatzrennen auf dem Sportflugplatz. Das war immer sehr aufregend, denn man konnte wirkliche Größen wie Jochen Rindt, Helmut Marko, Gunther Philipp, Sterling Moss sowie Niki Lauda und andere sehen. Die Autos wurden vom legendären Mechaniker Fritz Bergmann hergerichtet, der in der Nähe eine Opel-Werkstätte hatte. Ich sollte viele Jahre später im Zuge meiner Tätigkeit bei General Motors sehr oft auf seine Erfahrung zurückgreifen können.

In der ersten Hauptschule wurden wir von der Natorpschule in eine neue Schule in der Afritschgasse umgesiedelt. Bei deren Eröffnung durfte ich auch einige Sätze sprechen, was natürlich im Vorfeld mit vielem Üben und großer Aufregung verbunden war. Unmittelbar neben der neuen Schule war ein eingezäunter Fußballplatz, welcher von einem sehr sportbegeisterten Turnlehrer zu unserer größten Freude oft genutzt wurde. Höhepunkte waren Klassenmatches zwischen unserer A- und der B-Klasse wobei wir zahlenmäßig unterlegen waren. Wir waren von 36 Schülern nur 16 Buben und für die Mädchen war Fußballspielen damals noch undenkbar. Die B-Kasse war eine reine Bubenklasse, und so mussten wir unsere spielerische Unterlegenheit durch Kampfgeist ausgleichen, was manchmal auch gelang.

Zur Kirschenzeit gab es immer Beschwerden von den Bewohnern der Siedlungshäuser in der Schule, da die Bäume zu verlockend waren um die Früchte am Schulweg zu brocken. Genützt hat es aber nichts, denn trotzdem haben die Kinder Kirschen „gestohlen".

Nach der Schule und fertiger Aufgabe war das Fußballspielen vorherrschend, wobei Spiele zwischen oberer und unterer Siedlung zu den Höhepunkten zählten. Die schwerste Aufgabe hatte dabei wohl der Schiedsrichter, denn er musste oft diverse Streitereien schlichten. Das war auch der Grund, warum die meisten Spiele ohne Schiedsrichter abliefen. Als zusätzliche Regel galt, dass Corner nicht ausgeführt wurden, dafür aber bei drei Cornern ein Elfer geschossen wurde.

Es wurde auch Räuber und Gendarm gespielt und dazu Zelte in Gebüsche gebaut. Dabei wurde Kukuruz vom Feld des Gärtners verzehrt und so manche erste Zigarette geraucht. Die Zigaretten, meist Austria 3, konnte man noch einzeln kaufen. Übrig gebliebene Zigaretten wurden in ein Nylonsackerl gegeben und bis zur nächsten Verwendung versteckt oder sorgfältig vergraben.

Schifahren habe ich mit meinen Onkel Erich in Türnitz gelernt. Dazu bekam ich neue, sehr lange Schier, damals schon mit Stahlkanten und einer Bindung mit zwei Spannern. Der erste diente nur dazu, in der Bindung fixiert zu sein, und zum Gehen (was auf Grund von wenigen Liften oft notwendig war). Erst mit dem zweiten Hebel war man in der Schibindung gut fixiert und konnte die Abfahrt wagen. Die Schuhe waren aus Leder und hatten Schuhbänder zum Schließen.

Nachdem wir mit dem Lift den Eibl in Türnitz hochgefahren waren, hat mir mein Onkel die Grundbegriffe erklärt und auch vorgezeigt. Auf einem Hügel mit einem Auslauf ist es dann losgegangen. Wie oft ich diese Hügel wieder hochgegangen bin, weiß ich nicht, es war aber vom Ergebnis so erfolgreich, dass ich am späten Nachmittag bis ins Tal hinunter fahren konnte. Der Hauptgrund dieser Trainingseinheit war die Vorbereitung auf einen Schulschikurs, bei dem ich dann ganz gut Schifahren lernte.

Die Schule habe ich ohne größere Probleme absolviert. Lieblingsgegenstände waren neben Turnen Physik und Chemie, und zwar deshalb, weil wir in diesen Gegenständen einen jungen Lehrer hatten (er wurde später Direktor der Lehrerbildungsakademie), welcher uns den Stoff durch sehr interessante Versuche vermittelte. Einige Versuche machten es sogar notwendig, die Fenster zu öffnen, um etwaige kleine Druckwellen besser ausgleichen zu können. Wirklich gefährlich war es aber nie.

Etwas abgelenkt waren wir Buben speziell bei Englisch- oder Mathematikschularbeiten, da es bei den Mädchen üblich war, die Schwindelzettel unter den Strümpfen zu verstecken, und dazu mussten die Röcke immer hochgezogen werden. In der letzten Hauptschulklasse hatten wir das Glück, vom Stadtschulrat zu einem Schüleraustausch mit Engländern ausgesucht zu werden. Wir waren vier Wochen in einem Heim in Scheibbs mit einer Klasse aus England; dort haben wir Volkstänze gelernt, was sehr lustig war. Es wurde täglich unterrichtet, daneben hatten wir aber auch genug Möglichkeiten zum Fußballspielen. Osterfeuer und diverse andere Aktivitäten sowie Wanderungen rundeten das Programm ab. Für unser Englisch war der Aufenthalt sehr förderlich.

Nach Abschluss der Schule habe ich eine Lehre als Elektromechaniker bei der Firma Siemens begonnen. In die Lehre - im 2. Bezirk (Engerthstraße) - bin ich meist mit dem Fahrrad gefahren. Wir waren in einer Lehrwerkstätte und wurden in allen mechanischen Tätigkeiten ausgebildet. Auch Schmieden und Schweißen haben wir gelernt. Geführt wurde ein Lehrwerkstättenbuch, in dem alle Werkstücke beschrieben und gezeichnet wurden und welches auch benotet wurde, ähnlich einer Schule. Die Maschinen und die Werkstätte mussten wir täglich reinigen. Von unserer Lehrlingsentschädigung mussten wir eine Schiebelehre kaufen und diese abstottern. Wir hatten auch viel Spaß, was von unseren Ausbildnern nicht gerne gesehen wurde, aber eigentlich nie zu großen Problemen führte. Wir arbeiteten 45 Stunden in der Woche, auch am Samstag bis Mittag.

Nach dem ersten Lehrjahr hatte ich genügend Geld gespart, um mit den Naturfreunden nach Italien (Sistiana nahe Triest) auf Urlaub zu fahren. Geschlafen haben wir zu zweit in alten Zelten. Bei Gewitter schoss das Wasser durch das Zelt, und so war einer der Bewohner damit beschäftigt, die Zeltstange zu halten, während der andere nach draußen musste, um die Steine, welche das Zelt hielten, zu befestigen.

Im zweiten Lehrjahr war ich dann in der Siemensstrasse im 21. Bezirk und begann im Produktionsbereich zu arbeiten. Die restliche Lehrzeit war teilweise mit voller Produktionsarbeit ausgefüllt. Berichte über unsere Tätigkeit hatten wir an die Lehrwerkstätte zu schicken. Das war auch die Zeit, wo die Samstagarbeit wegfiel und die 40-Stunden-Woche eingeführt wurde. Einen Tag in der Woche waren wir in der Berufsschule. Das Ziel, ein Tonbandgerät (Magnetophon) oder gar ein Moped zu besitzen, war noch in weiter Ferne. Erst zum Ende meiner Lehrzeit konnte ich mir, mit Unterstützung meiner Eltern, beide Wünsche erfüllen.

 

Ich durfte Walter Benes selber eknnen lernen, ein sehr netter Mensch und wir haben im Cafe Teddy sehr nett geplaudert